Schlüsselgespräch: Demokratie in der Krise: Wie das Vertrauen in die Politik gestärkt werden kann

Im neuen clavis-Schlüsselgespräch spricht Prof. Dr. Frank Brettschneider, Inhaber des Lehrstuhls für Kommunikationswissenschaft an der Universität Hohenheim, mit clavis-Expertin Susanne Delle Karth über Demokratiezufriedenheit: Wie kann Kommunikation dazu beitragen, die Zufriedenheit der Bevölkerung mit der Demokratie zu stärken? Wie beeinflussen Fake News die öffentliche Meinung? Wie können sich Dialoge positiv auf die Demokratiezufriedenheit auswirken? Im Podcast werden Antworten auf diese und weitere Fragen gegeben sowie die Strukturen von Populismus genauer untersucht.

Aktuelle Wahlergebnisse wie beispielsweise in Argentinien und den Niederlanden zeigen ganz deutlich, dass populistische Parteien an Einfluss gewinnen. Gleichzeitig nimmt die Verbreitung von Verschwörungstheorien und Fake News zu. Diese Faktoren wirken sich negativ auf die Zufriedenheit der Gesellschaft mit der Demokratie aus. Vor diesem Hintergrund initiierte Prof. Dr. Frank Brettschneider eine Studie zu diesem Thema, deren Ergebnisse Folgendes verdeutlichen: Transparente und frühzeitige Verfahren in politischen Entscheidungsprozessen – insbesondere Dialoge – steigern die Demokratiezufriedenheit.

Welche weiteren Lösungsansätze es für mehr Demokratiezufriedenheit gibt, über welche Kanäle am besten kommuniziert wird und wie effektiv gegen Fake-News vorgegangen werden kann, verrät Prof. Dr. Frank Brettschneider im Schlüsselgespräch.

 

Hier können Sie das gesamte Schlüsselgespräch anhören:

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Die Inhalte im Überblick:

 

Was charakterisiert Populismus?

Häufig sind es dieselben Erzählelemente:

  1. Zuerst wird behauptet, es gäbe einen einheitlichen Volkswillen.
  2. Dieser Wille wird von inneren und äußeren Mächten unterdrückt. Dabei sind innere Mächte politische Eliten und die Massenmedien, die häufig als Lügenpresse bezeichnet werden. Die äußeren Mächte sind die EU oder die Globalisierung, also etwas, das den vermeintlichen Volkswillen von außen unterdrückt. Dadurch wird ein Gefühl von „Wir gegen sie“ erzeugt.
  3. Schließlich behauptet der Rechtspopulismus, dass er das Volk vor diesen Mächten schützt. Es wird gegen Parteien und Medien polemisiert.

Es wird also bewusst Misstrauen gegenüber Institutionen erzeugt, um sich im Anschluss selbst als Lösung präsentieren zu können.

Welche Einblicke gibt die durchgeführte Studie in die Demokratiezufriedenheit?

Die repräsentative Umfrage fand unter 4.000 Personen statt. Sie wurden zu ihren politischen Ansichten befragt wurden. Etwa 20–25 % unterstellen den Massenmedien eine bewusste Manipulation, 21 % glauben, dass die deutsche Bevölkerung systematisch von den Massenmedien belogen wird und 24 % sehen eine enge Verbindung zwischen Politik und Medien, um die Meinung der Bevölkerung gezielt zu manipulieren. Ein Fazit, das aus der Studie gezogen werden kann: Je stärker die populistische Einstellung, desto größer auch die Unzufriedenheit mit der Demokratie und das Misstrauen in Institutionen. Die Altersgruppe der 18 bis 29-Jährigen zeigt dabei den geringsten Anteil an populistischen Ansichten auf, während die 45 bis 59-Jährigen den höchsten Anteil aufweisen. Es darf jedoch nicht außer Acht gelassen werden, dass diese Personen trotzdem in der Minderheit sind.

Warum werden die Studienergebnisse trotzdem als kritisch eingestuft?

Obwohl die große Mehrheit der Bevölkerung Vertrauen in die Demokratie hat, äußern unzufriedene Personen ihre Ansichten lautstark und beeinflussen dadurch insbesondere unschlüssige Personen.

Welche Lösungsansätze gibt es für die genannten Probleme?

Genau hier ist Dialog der Schlüssel zum Erfolg. Durch transparente und frühzeitige Verfahren, bei denen die Bevölkerung einbezogen wird, können Entscheidungsfindungen nachvollziehbarer gemacht werden. Die Studie zeigt eindeutig, dass Entscheidungen zwar durch gewählte Repräsentant:innen gefällt werden sollen, die Bevölkerung aber durch Dialoge einbezogen werden möchte. Auffällig ist zudem, dass Personen, die bereits an Dialogen teilgenommen haben und mit diesen zufrieden waren, auch sehr zufrieden mit dem Funktionieren der Demokratie sind.

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Wird ein Dialog durchgeführt, sollten primär unschlüssige Personen über faktenorientierte Kommunikation auf den richtigen Kanälen erreicht werden.

Welche Kanäle bieten sich dafür an?

Diskussionen über Populismus und Demokratiezufriedenheit spielen sich heutzutage vor allem in den sozialen Medien ab. Die Generation Z nutzt primär Instagram für die Informationsbeschaffung, während mittlere bis ältere Nutzer:innen häufig auch auf der Video-Plattform YouTube unterwegs sind. Vor allem auf YouTube können mittlerweile Verschwörungsvideos zu allen möglichen Themen gefunden werden, weshalb dort besondere Vorsicht geboten ist. Nicht zu vernachlässigen sind allerdings auch die klassischen Massenmedien, deren Inhalte auch auf Social Media transportiert werden.

Das heißt, klassischer Journalismus spielt auch eine wesentliche Rolle für die Demokratiezufriedenheit?

Demokratiezufriedenheit und qualitativ hochwertiger Journalismus bedingen einander. Entscheidend ist hier allerdings eine starke Orientierung an Themen. Der Gamification-Ansatz, der Politik als Spiel mit mehreren Gegner:innen darstellt, ist wenig förderlich für die Demokratiezufriedenheit. Viel wirkungsvoller ist faktenorientierte Berichterstattung. Ein an Aufmerksamkeit gewinnender Ansatz ist auch der der „Constructive News“. Dabei werden Missstände aufgezeigt und direkt mit möglichen Lösungsansätzen kombiniert.

Weshalb findet der Ansatz der „Constructive News“ derzeit noch wenig Anwendung in der Praxis?

Ein Hauptgrund sind mangelnde Ressourcen. Für aufwendige Berichterstattungen gibt es oft zu wenig zeitliche, finanzielle und personelle Mittel. Dann werden die Klicks auf Artikel zur Währung und entscheiden, worüber berichtet wird. Klicks werden allerdings häufig durch übertriebene und personalisierte Botschaften generiert, was wiederum kontraproduktiv für die Demokratiezufriedenheit ist.

Welche Rolle spielen Fake-News für die Demokratiezufriedenheit? Wie kann dagegen vorgegangen werden?

Mit zunehmendem Populismus verbreiten sich auch Verschwörungstheorien und Fake News. Das Problem: Fake News müssen wiederholt werden, um sie zu widerlegen. Dadurch setzen sie sich stärker im Kopf fest. Eine Strategie dagegen vorzugehen, sieht folgendermaßen aus: Es sollte mit Fakten begonnen werden, die die Situation erläutern, gefolgt von Warnhinweisen (beispielsweise: „Achtung, bei der folgenden Aussage handelt es sich um falsche Informationen“). Anschließend werden die Fake News einmal genannt, um dann wieder mit Fakten abzuschließen. Diese Wiederholung sorgt dafür, dass die richtigen Informationen im Gedächtnis hängen bleiben.

Die Gesprächspartner:innen:

Prof. Dr. Frank Brettschneider ist Inhaber des Lehrstuhls für Kommunikationswissenschaft an der Universität Hohenheim in Stuttgart. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in der Kommunikation bei Bau- und Infrastrukturprojekten, Verständlichkeitsforschung, politische Kommunikation (insbesondere Wahlforschung), Kommunikationsmanagement & Campaigning. Frank Brettschneider ist u.a. Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat für Zivilgesellschaft und Bürgerbeteiligung der Landesregierung Baden-Württemberg sowie im Wissenschaftlichen Arbeitskreis für Regulierungsfragen (WAR) der Bundesnetzagentur.

Susanne Delle Karth ist Expertin für interne und externe Strategie-, Beteiligungs- und Kommunikationsprozesse. Sie hat 1996 SVWP gegründet und bis 2014 als geschäftsführende Gesellschafterin geführt, die 2014 mit clavis fusionierte. Seither ist sie für clavis in den Bereichen Konzeption, Umsetzung und Moderation von Beteiligungsprozessen aktiv.

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