Gerichtsprozess und Kommunikations­arbeit: Vor dem Gericht der Öffentlichkeit

Wie betroffene Parteien im Rahmen von Rechtsstreitigkeiten von der Öffentlichkeit wahrgenommen werden, kann wesentlich durch die sogenannte Litigation-PR beeinflusst werden. Was genau diese spezielle Form der Krisenkommunikation erfordert und wie Litigation-PR abläuft, erklärt clavis-Expertin Susanne Dilp im Interview.

Es vergeht kein Tag, an dem Medien nicht über öffentlichkeitswirksame Rechtsstreits berichten, davon können auch ehemalige Politiker:innen ein Lied singen. Die jeweiligen Rechtsvertretungen geben Interviews oder hüllen sich in Schweigen, versuchen jedenfalls mit ihrer Kommunikation, öffentliche Meinungsbildung im Sinne ihrer Mandant:innen zu betreiben. Basierend auf relevanten rechtlichen Fakten entscheidet letztlich das Gericht über die Schuldfrage. Abgesehen davon fällt allerdings noch eine weitere Instanz ein potenziell einschneidendes Urteil: die Öffentlichkeit. Und diese zeigt sich mitunter unbeeindruckt von den rechtlichen Fakten. Findet dieses öffentliche Urteil keinen „Gefallen“, gibt es keine Rechtsmittel zur Anfechtung. Selbst das Verbüßen einer Strafe ändert meist nichts an der Wahrnehmung. Unter Umständen kann es sogar vorkommen, dass aus Sicht der Öffentlichkeit am Schluss die klagende Partei selbst die „wahre“ Schuldige ist. Die Folgen sind nachhaltige und teilweise irreparable Reputationsschäden.

Susanne Dilp war zuständig für die Krisenkommunikation bei der Polizei Vorarlberg.
Susanne Dilp ergänzt das clavis-Team in Bregenz insbesondere beim Fachbereich Krisenkommunikation. Durch ihre langjährige Tätigkeit als Pressesprecherin bei der Landespolizeidirektion Vorarlberg hat sie viel Erfahrung in der kommunikativen Begleitung von kritischen Ereignissen.

Um möglichst zu erreichen, dass das Urteil der Öffentlichkeit im Einklang mit den Interessen der Beteiligten steht, ist eine fundierte Kommunikationsstrategie unerlässlich. Diese spezielle Form der Krisenkommunikation wird als „Litigation-PR“ bezeichnet. clavis-Expertin Susanne Dilp erklärt im Interview, was die kommunikative Prozessbegleitung für die Praxis bedeutet.

Warum ist es sinnvoll, Expert:innen für die kommunikative Prozessbegleitung zu konsultieren?

 

Kommunikation ist immer ein Stück weit eine Übersetzungsaufgabe: Wie können wir sicherstellen, dass meine Botschaft von der vorher definierten Zielgruppe richtig aufgenommen und verstanden wird? Die juristische Sprache verwendet Ausdrücke und Formulierungen, die nicht alltagstauglich sind. Es ist zuweilen auch schwer zu verstehen, was eigentlich gemeint ist. Sie lässt sich grundsätzlich als distanziert, sachlich und emotionslos beschreiben und verwendet tendenziell eine komplizierte Ausdrucksweise. Genau hier braucht es also Vermittler:innen, die die juristische Aussage verstehen und in eine allgemein verständliche Botschaft übersetzen können.

Diese Gatekeeper-Funktion haben natürlich auch Journalist:innen, die aus dem Gerichtssaal berichten. Jedoch möchte man die Formulierung der Botschaft ja nicht dem Zufall überlassen. Als Kommunikationsprofis erarbeiten wir gemeinsam mit den Kund:innen die Kernbotschaften und versuchen sie dann – zum Beispiel in Interviews, Presseaussendungen oder Hintergrundgesprächen – zu vermitteln.

Wie gestaltet man die Strategie von Litigation-PR?

 

Die Strategie kann natürlich von Fall zu Fall unterschiedlich sein. Grob skizziert sollten jedenfalls folgende Elemente berücksichtigt werden: Zunächst braucht es eine gute Wissensbasis über den betreffenden Sachverhalt. Dafür ist eine ehrliche und vertrauensvolle Zusammenarbeit mit der Rechtsvertretung des betroffenen Kunden bzw. der betroffenen Kundin unerlässlich. Es ist entscheidend, die Schwachstellen des Falles zu kennen, um diese in der Strategie zu berücksichtigen. Auf Grundlage dieser Informationen wird festgelegt, welche Zielsetzung die Kommunikation haben soll und welche Botschaften an die Öffentlichkeit vermittelt werden sollen. Es werden mehrere mögliche Szenarien in Betracht gezogen und geeignete Kommunikationsmaßnahmen geplant.

Bild von Zeitungen für einen Blogbeitrag über Litigation-PR

Worauf kommt es aus deiner Sicht besonders an?

 

Die Litigation-PR muss unbedingt eng mit der Rechtsvertretung der Kund:innen abgestimmt sein – man arbeitet gewisser Weise als interdisziplinäres Team zusammen. Jeder konzentriert sich auf die eigene Expertise und würdigt die jeweils andere. Für die Kommunikationsexpert:innen bedeutet das, die juristischen Belange des Falles verständlich, jedoch auch rechtlich einwandfrei zu vermitteln. Ein Beispiel wäre die Festnahme einer Person. Was genau bedeutet das? Wurde die Person vorläufig festgenommen und es gibt etwa eine Anzeige auf freiem Fuß oder gab es einen staatsanwaltschaftlichen Haftbefehl und es wird Untersuchungshaft verhängt? Ein weiteres Beispiel: Gegen eine Person wird ermittelt. In den meisten Fällen gibt dies nur wenig Aufschluss über den Stand des Falles. Wurde bei der Staatsanwaltschaft „nur“ ein Vorfall gemeldet und es wird geprüft, ob dieser überhaupt strafbar ist? Also vielleicht ist es aus rechtlicher Sicht überhaupt nicht relevant? Oder hat die Polizei bereits Anzeige erstattet? Es gilt in der Prozessbegleitung also präzise zu kommunizieren.

Darüber hinaus ist es wichtig, sich stets die Frage zu stellen, welche Auswirkungen die geplanten Kommunikationsmaßnahmen haben können. Sie wird selbstverständlich bei der Entwicklung jeder Kommunikationsstrategie gestellt – in der Litigation-PR ist der Fokus auf mögliche rechtliche Konsequenzen jedoch besonders relevant. Der Verlauf des Verfahrens darf nicht negativ beeinflusst werden. Außerdem soll die Rufschädigung der

gegnerischen Partei oder auch das Initiieren eines medialen Schlagabtausches vermieden werden. Eine emotionale Debatte in der Presse ist selten hilfreich und häufig unberechenbar.

 

Würdest du diese Aufgabe für jeden Kunden bzw. jede Kundin übernehmen?

 

Nein. Als Kommunikationsberatung hat clavis eine bestimmte Wertehaltung und ethische Grundsätze, die uns als qualitätsvollen Dienstleister auszeichnen – und diese Wertebasis muss klarerweise auch zu den Kund:innen passen, zumindest, soweit das feststellbar ist. Wir kommunizieren stets wahrhaftig und faktenorientiert, nach bestem Wissen und Gewissen. Das bedeutet: Intendiertes Lügen oder das Verbreiten nicht fundierter Aussagen stehen gar nicht zur Debatte. Es gilt aus kommunikativer Sicht dazu beizutragen, eine „angemessene“ Wahrnehmung in der Öffentlichkeit zu erwirken. „Angemessen“ ist natürlich ein subjektiver und dehnbarer Begriff – worum es mir dabei geht: Jemand, der aus juristischer Sicht schuldig ist, wird nicht vor der Öffentlichkeit nicht schuldig „gemacht“ oder umgekehrt. Allerdings kann man zum Beispiel gewisse Dinge nachvollziehbar machen, Verständnis oder Mitgefühl herstellen und den Fokus auf andere Details des Falles legen.

Die Kunst der Litigation-PR besteh also darin, rechtliche Feinheiten exakt und verständlich zu kommunizieren, und die Öffentlichkeit gewissermaßen am Prozess teilhaben zu lassen. Durch die sorgfältige Koordination von Rechtsvertretung und Kommunikationsmaßnahmen können Reputationsschäden vermieden werden.

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