Die Energie des Widerstands nutzen

27.04.2026

In Dänemark wird ein Partizipationsmodell erforscht, in dem Widerstand gegen Infrastrukturprojekte nicht mehr bekämpft, sondern als Startpunkt erfolgreicher Beteiligung verstanden wird. Wir haben uns das DART-Projekt und seine Methoden genauer angesehen.

Man kennt das Problem: Auch in Dänemark scheitern oder verzögern sich 10 bis 15 Prozent aller geplanten Erneuerbaren-Projekte, weil die Bevölkerung vor Ort dagegen ist. Dieses Phänomen sorgt auch in Österreich für Sorgenfalten bei denen, die ihre Projekte umsetzen wollen und in den Gemeinden.

An der Universität Kopenhagen läuft seit 2023 ein Forschungsprojekt, das neue Wege der Partizipation einschlägt: DART, oder in der Langversion: „The Danish Model for Citizen Engagement in the Renewable Energy Transition”. Das Projekt lief drei Jahre bis April 2026, der Abschlussbericht steht noch aus und wird im Herbst erwartet.

Geleitet wird DART vom Sozialanthropologen Simon Westergaard Lex. Seine Ausgangsdiagnose: Wenn Anrainer:innen gegen ein Energieprojekt mobil machen, ist das ein Symptom. „Bürger:innen können sich zu Recht übergangen fühlen, wenn Behörden und Unternehmen sie nicht in den Dialog einbeziehen, bevor große Anlagen entstehen”, meint Lex.

Feldforschung, Bürger:innenrat, Rückmeldung: So funktioniert DART

Der Ablauf von DART lässt sich in drei Stufen gliedern, die aufeinander aufbauen:

Schritt eins: Feldforschung als Diagnose.
Am Anfang stand die Arbeit der Anthropolog:innen. Über Monate wurden Anrainer:innen, Bürgerinitiativen, kommunale Planer:innen, Behörden und Projektentwickler:innen interviewt und beobachtet. Ziel war es nicht, Meinungen abzufragen, sondern die Spannungsfelder zu erkennen: Welche Konflikte schwelen seit Jahren? Wer misstraut wem und warum? Welche historischen Erfahrungen mit Großprojekten prägen die Stimmung?

Schritt zwei: Bürger:innenrat als Aushandlungsplattform.
Auf dieser Diagnose setzte der Bürger:innenrat auf. Eine zufällig ausgewählte, möglichst repräsentative Gruppe von etwa 30 bis 60 Personen tagte über mehrere Wochenenden. Die Teilnehmenden hörten und befragten Sachverständige, studierten aufbereitetes Material, diskutierten in Kleingruppen und formulierten dann konkrete Empfehlungen. Die Themen der Beratungen kamen aus der vorangegangenen Feldforschung.

Schritt drei: Empfehlung und Rückmeldung.
Die Empfehlungen des Bürger:innenrats wurden mit Begründungen an Behörden und Projektwerber:innen zurückgespielt. Es gab eine verbindliche Rückmeldepflicht: Welche Empfehlungen wurden übernommen, welche nicht, und mit welcher Begründung? Die Bürger:innen erfuhren also, was aus ihrem Beitrag geworden ist.

Erprobt wurde das Modell an drei realen Großprojekten. Zum Beispiel in Esbjerg an der Nordseeküste, wo mit Høst PtX eine der ersten Power-to-X-Anlagen im Gigawattmaßstab entsteht. Copenhagen Infrastructure Partners investiert dort mehr als zwei Milliarden Euro, um aus Wind- und Solarstrom grünen Wasserstoff zu erzeugen, der dann per Pipeline nach Deutschland exportiert werden soll.

Foto von Marvin Radke auf Unsplash
Foto von Marvin Radke auf Unsplash

Im Unterschied zu vielen gängigen Partizipations- und Informationsmodellen wird bei DART schon die Entwicklung zum Thema der Beteiligung. Nur über eine fertige Anlagenplanung inklusive Standorte zu informieren oder abstimmen zu lassen, ist hier keine Option.

Widerstand als Ressource: Ein anderes Verständnis von Akzeptanz

Was bei DART auch auffällt, ist eine Umdeutung des Widerstands. Lokaler Protest gilt ja üblicherweise als Hindernis. Ein bereits beschlossenes Projekt muss gegen ihn durchgeboxt werden. Lex und seine Kolleg:innen haben eine andere Perspektive. Widerstand ist hier kein Makel, sondern eine Ressource. Wer protestiert, liefert jene Information, die sonst aufwendig erhoben werden müssten: Wo gibt es Aushandlungsbedarf? Welche Werte sind verletzt? Gibt es ungeklärte Verteilungsfragen oder historische Erfahrungen?

In einem Konferenzbeitrag haben Lex und sein Kollege Viktor Weber 2024 auch argumentiert, dass Widerstand selbst eine Form von Bürger:innenbeteiligung ist. Und zwar jene, die übrig bleibt, wenn den Widerständigen alle anderen Kanäle versperrt sind. Für die kommunikative Praxis heißt das: Widerstand ist oft nicht das Gegenteil von Akzeptanz, sondern deren Vorstufe.

DART löst sich also von der gängigen Lehre der Akzeptanzbeschaffung und etabliert ein neues, anderes Verständnis: Die Energiewende ist nicht etwas, das den Bürger:innen vermittelt oder gar eingeredet werden muss. Sie muss gemeinsam entstehen, verstanden, getragen und umgesetzt werden.

Fakten zum DART-Projekt

Hintergrund: The Danish Model for Citizen Engagement in the Renewable Energy Transition (DART). Erstes umfassendes Forschungsprojekt Dänemarks, das Bürger:innenbeteiligung in der Energiewende systematisch untersucht und ein landesweit verwendetes Beteiligungsmodell entwickelt.

Laufzeit: April 2023 bis April 2026. Der Abschlussbericht mit Handlungsempfehlungen wird im Herbst 2026 erwartet.

Finanzierung: 7,5 Millionen dänische Kronen (rund eine Million Euro) aus dem Programm „Grand Solutions” des staatlichen Innovation Fund Denmark, ergänzt um Mittel von Partner:innen aus der Wirtschaft und Industrie.

Konsortium: Geleitet vom Sozialanthropologen Simon Westergaard Lex (Universität Kopenhagen). Interdisziplinär aufgestellt mit Politikwissenschaft (Lars Tønder) und Rechtswissenschaft (Beatriz Martinez Romera). Aus der Wirtschaft an Bord: Copenhagen Infrastructure Partners, European Energy, Mærsk Mc-Kinney Møller Center for Zero Carbon Shipping, Høst PtX Esbjerg.

Methodik: 24-monatige ethnografische Feldforschung an den Standorten Bornholm, Esbjerg und Fredericia, ergänzt um Erhebungen in Aabenraa und der Wattenmeer-Region. Daten wurden parallel aus Zivilgesellschaft und öffentlicher Verwaltung erhoben. Bürger:innenräte waren Verhandlungsort für lokale Energieinfrastrukturprojekte.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

To Top