Der österreichische Energiediskurs leidet an einem Paradoxon: Wir bekennen uns zur Klimaneutralität bis 2040, kämpfen um Versorgungssicherheit und bremsen uns bei der einzigen Technologie, die beides gleichzeitig liefern könnte, selbst aus. Fazit: Österreichs Energiewende braucht eine neue Kommunikation.
Windkraft ist sauber, regional und sicher. Aber wenn der eine ohne andere Rotor eines Windrades am Horizont zu sehen ist, wird bei vielen Bürger:innen und Politiker:innen die Ablehnung hör- und sichtbar. Windräder werden nicht als Lösung wahrgenommen, sondern als Eingriff. In die Landschaft, den Immobilienwert oder in die Ruhe. Warum ist das so?
Windkraft kann Wahlen gewinnen
Jahrzehntelang hat die Energiepolitik auf das Defizitmodell gesetzt: Erklär den Menschen, was sie nicht verstehen, dann werden sie schon zustimmen. Das Gegenteil ist eingetreten. Je rationaler und technokratischer die Argumentation, desto tiefer das Misstrauen. Die Kilowattstunden-Rechnung interessiert den Bürgermeister einer Weinviertler Gemeinde (zu) wenig, wenn er fürchtet, die kommenden Wahlen politisch nicht zu überleben.
Wie hat das dann eigentlich in den Gemeinden funktioniert, die erfolgreich Windparks umgesetzt haben? Dort wurde konkret und klar informiert und kommuniziert. Und vor allem vom Gemeinderat und den Bürgermeister:innen entschieden. Die Erfahrung zeigt: Wegen eines realisierten Projektes für Erneuerbare hat noch niemand eine Gemeinderatswahl verloren. Eher im Gegenteil.
Blackout als Weckruf und als Chance
In den vergangenen Jahren ist ein weiteres Thema in den Vordergrund gerückt, das früher als Domäne von schrägen Prepper:innen galt: der Blackout. Die Angst vor dem großflächigen Stromausfall hat eine neue und größere Öffentlichkeit gefunden. Und hier liegt paradoxerweise eine kommunikative Chance.
Denn Versorgungssicherheit ist kein abstraktes Gut. Sie ist sehr real und mit der einen oder anderen Angst verbunden. Eine dezentrale Energieerzeugung durch Windkraft und Photovoltaik, ergänzt durch lokale Speicherlösungen, ist resilienter als ein zentralisiertes System mit langen Leitungen, von denen es zu wenige gibt in Österreich. Jede Windanlage in der Gemeinde ist ein Stück Unabhängigkeit von Importen, von Preisschwankungen, von geopolitischen Erpressungsversuchen.
Aber dieses Argument ist (noch) nicht angekommen. Die Zivilschutz-Argumente kommen in Diskussionen über nachhaltige Energieversorgung kaum vor. Das ist ein kommunikativer Fehler. Wer den Bürger:innen erklärt, dass der Windpark auch ihr persönlicher Schutz vor dem Blackout-Szenario sein kann, findet eher interessierte Zuhörer:innen als wenn man hochkompetent CO₂-Zertifikate durchrechnet.

Die Gemeinden als Schlüssel
Gemeinden sind in Energiefragen wie dieser eine entscheidende Schnittstelle. Wenn eine Gemeinde zum Beispiel an einem Windpark beteiligt ist, denken auch die Bürger:innen anders über diesen Windpark. Er wird zur gemeinsamen Sache. Es kann sich sogar so etwas wie Stolz entwickeln. Motto: „Bei uns wird moderne Energiezukunft gelebt. Und wenn die Gemeinde finanziell profitiert, haben wir alle etwas davon.“
Modelle wie Energiegemeinschaften, die seit 2021 auch in Österreich rechtlich möglich sind, zeigen, dass sich die Wahrnehmung positiv verändert, wenn der lokale Strom auch der eigene Strom ist.
Narrative brauchen Glaubwürdigkeit
Und noch ein wichtiger Aspekt: Was die Kommunikation über die Energiewende glaubwürdig macht, ist Verlässlichkeit und Kontinuität. Also zum Beispiel Gesetze, die nicht alle paar Jahre novelliert werden. Oder Länder, die ihre Ausbauzonen nach dem echten Wind ausrichten, statt nach politischen. Auch Transparenz über Kosten, Nutzen und unbequeme Wahrheiten ist wichtig. Dass etwa die Netzinfrastruktur in manchen Regionen einfach nicht ausreicht, um Windstrom zu transportieren, und dass diese Lücke dringend geschlossen werden muss, damit ein zügiger Ausbau stattfinden kann.
Die Sprache der Transformation
Und wenn Sie jetzt ein paarmal genickt haben beim Lesen: Merken Sie sich die Argumente und erzählen Sie Ihren Kolleg:innen, Ihrer Familie und Ihren Freunden davon. Und wenn Sie den Kopf geschüttelt haben, schreiben Sie uns ein E-Mail, warum.
Energieversorgung muss jedenfalls überall Thema sein und bleiben, damit sich etwas bewegt in Österreich.

Eva Michlits ist clavis Standortleiterin in Wien. Die erfahrene Kommunikatorin begleitet viele Projekte im Bereich Erneuerbare Energien.