Eva Michlits ist clavis-Standortleiterin in Wien. Die erfahrene Kommunikatorin begleitet viele Projekte im Bereich Erneuerbare Energien. Im Interview erklärt sie, warum die Energiewende neue Narrative braucht, welche Kraft Partizipation entwickeln kann und warum dort Skepsis oft auch zu Rückenwind wird.
Immer mehr Windkraftprojekte werden von der Bevölkerung abgelehnt. Landesregierungen stehen Windrädern skeptisch bis feindselig gegenüber. Braucht die Energiewende neue Narrative?
Ja, unbedingt – die Energiewende braucht dringend neue Narrative.
Was wir in unserer täglichen Arbeit beobachten: Das klassische „Zukunftsnarrativ“ – also die Vision einer besseren Welt für künftige Generationen – reicht vielen Menschen nicht mehr aus. Es ist zu abstrakt geworden. Wir müssen den Nutzen von erneuerbarer Energie stärker mit dem eigenen Leben in Verbindung bringen. Energie bedeutet Lebensqualität. Ohne Strom, ohne stabile Netze und ohne heimische Produktion wird unser Lebensstandard nicht zu halten sein. Darauf müssen wir in der Kommunikation konsequent hinweisen – ehrlich, konkret und nah an der Lebensrealität.

Das Thema Energie hat viele Aspekte. Wie können Projektbetreiber:innen diese Zusammenhänge am besten erklären und für breitere Zustimmung sorgen?
Der Schlüssel liegt in einer nutzenorientierten Kommunikation: Projektentwickler:innen sollten sich fragen, welchen konkreten Mehrwert ihr Projekt für die Menschen vor Ort bringt – ökonomisch, ökologisch, aber auch sozial. Die Frage muss sein: Was haben die Gemeinde und ihre Bürger:innen konkret davon?
Gleichzeitig geht es aber auch um den größeren Zusammenhang. Die Energiewende ist ein Gemeinschaftsprojekt. „Kirchturmdenken“ – also der Fokus auf den eigenen Vorteil ohne Blick auf das Ganze – bringt uns nicht weiter. Ich erinnere mich an eine Exkursion zu einem Windpark, bei der mir eine ältere Dame, die sich vehement gegen neue Windräder in ihrer Heimatgemeinde eingesetzt hatte, sagte: „Stellen Sie die geplanten Anlagen doch hier dazu – da stehen ja ohnehin schon so viele.“ Diese Aussage hat mich nachdenklich gemacht. Sie zeigt, wie tief individualisierte Interessen inzwischen verankert sind. Wenn uns das Gefühl für gesamtgesellschaftliche Verantwortung abhandenkommt, muss die Kommunikation an Solidarität und Generationengerechtigkeit appellieren.
Stichwort Community Building: Wie schafft man es am besten, aus skeptischen Gemeindebürger:innen engagierte Windkraftfans zu machen?
Community Building ist kein Einmalprojekt. Es ist ein langfristiger Prozess, der auf Vertrauen, Transparenz und echter Beteiligung basiert. Wer Menschen wirklich erreichen will, muss sie frühzeitig einbinden, offen kommunizieren und ihnen Mitgestaltung ermöglichen. Es reicht nicht, gut zu informieren. Beziehungen aufzubauen, ist die Königsdisziplin in der Kommunikation.
Ein wirkungsvoller Hebel ist Partizipation mit Wirkung: Wenn Bürger:innen das Gefühl haben, dass ihre Stimme zählt und ihr Engagement einen Unterschied macht, steigt auch die Akzeptanz deutlich. Beteiligungsmodelle, finanzielle Teilhabe oder Energiegemeinschaften können hier wichtige Brücken bauen. Vor allem aber geht es darum, zuhören zu können und auch kritische Stimmen ernst zu nehmen. Nur wer auch Skepsis als Teil des Prozesses versteht, kann aus Gegenwind Rückenwind machen.
Welche Projekte begleitet clavis aktuell im Bereich Erneuerbare? Mit welchem kommunikativen Fokus?
clavis begleitet aktuell mehrere Projekte im Bereich der Erneuerbaren Energien. Unser Fokus liegt dabei immer auf der strategischen Kommunikation und Beteiligung: Wir unterstützen Projektentwickler:innen dabei, tragfähige Beziehungen mit Gemeinden, Stakeholdern und der breiten Öffentlichkeit aufzubauen. Dazu gehört etwa die Entwicklung von Kommunikationskonzepten, die Durchführung von Dialogveranstaltungen, die Moderation von Bürgerbeteiligungsprozessen oder die Konzeption von digitalen Beteiligungstools. Unser Ziel ist immer, komplexe Themen verständlich zu machen und gleichzeitig Raum für Diskussion, Fragen und Mitgestaltung zu schaffen.
In den letzten Jahren waren wir für Windprojekte im Auftrag von VERBUND Green Power Austria aktiv. Der Schwerpunkt unserer Arbeit konzentriert sich auf die Kommunikation mit der Bevölkerung. Wir unterstützen bei Dialogveranstaltungen, konzipieren und texten Projektzeitungen und beraten bei strategischen Fragen.

Und zum Schluss zusammengefasst: Warum sind Erneuerbare die zukunftsfähigste Energiewahl?
Wind und Sonne stehen uns kostenlos und in praktisch unbegrenztem Ausmaß zur Verfügung. Trotzdem haben wir in Österreich im vergangenen Jahr 14 Milliarden Euro für fossile Energieimporte ausgegeben. Das ist volkswirtschaftlich unsinnig und ökologisch nicht zukunftsfähig.
