Viva la transformacion! Was Österreich von Uruguays Energiewende lernen kann

17.09.2025

Während in Österreich die Debatten um Windräder, PV-Flächen und den Widerstand dagegen lebhaft geführt werden, zeigt ein unscheinbares Land in Südamerika, wie Energiewende gelingt. Und zwar nicht nur technisch, sondern auch gesellschaftlich.

Uruguay hat binnen eines Jahrzehnts seinen Strommix zu rund 98 Prozent auf erneuerbare Quellen umgestellt. Möglich war das durch einen Mix aus Vielfalt, Mut zur Beteiligung und strategischer Kommunikation. Kann Uruguay Vorbild für Österreich sein?

Ein Plan, ein Ziel und eine starke Persönlichkeit

Als der Physiker Ramón Méndez Galain im Jahr 2008 ohne politische Vorerfahrung Energiekommissar wurde, war Uruguay geplagt von Stromengpässen, fossiler Importabhängigkeit und einem Mangel an Perspektiven. Statt sich auf kurzfristige Maßnahmen zu konzentrieren, entwickelte Méndez Galain einen umfassenden Transformationsplan, der offen für Technologie, sozial eingebettet und ökonomisch tragfähig war. Dabei stand er vor einigen Herausforderungen, wie er in einem Podcast des Kleinman Center for Energy Policy schildert: „Bei der Energiewende ging es nicht nur darum, Wind- und Solarenergie ins Netz einzuspeisen.  Viele Änderungen in der Systemplanung und im Betrieb sind notwendig. Wir mussten ein neues Marktmodell entwickeln, denn Erneuerbare Energien sind ein ganz anderes Modell als das im Energiesektor übliche.”

Ramón Méndez Galain, Bildquelle: Kleinman Center for Energy Policy

Unter seiner Leitung wurde ein nationaler Energiekonsens erarbeitet, der von Regierung, Opposition, Wirtschaft und Zivilgesellschaft gemeinsam getragen wurde. Dieser Schulterschluss war entscheidend für den Erfolg und wurde von Méndez Galain mit Weitblick, Überzeugungskraft und kluger Kommunikation ermöglicht. Er verstand es, eine Vision zu vermitteln und dabei komplexe Inhalte in verständliche Botschaften zu übersetzen.

Kommunikation als wichtigstes Führungsinstrument

Für Méndez Galain war Kommunikation kein Begleitprodukt technischer Planung, sondern ein zentrales Element der Steuerung. Anstatt abstrakte Klimaziele in den Mittelpunkt zu stellen, sprach er über Versorgungssicherheit, wirtschaftlichen Nutzen und den Stolz eines Landes, das auf eigenen Beinen stehen sollte. Mit der Marke „Uruguay Natural“ verband er Energiepolitik mit Tourismus, Export und nationalem Selbstbewusstsein. So entstand im ganzen Land eine Identifikation mit der Transformation.

Selbst als 2022 aufgrund einer schweren Dürre vorübergehend fossile Kraftwerke hochgefahren werden mussten, blieb die Kommunikation klar und offen. Regierung und Energieversorger informierten ehrlich über Emissionen und Zusatzkosten. Die Akzeptanz in der Bevölkerung blieb erhalten.

Technologische Vielfalt gewinnt

Ein weiteres Erfolgsrezept Uruguays war der bewusste Mix verschiedener erneuerbarer Energien: Windkraft, Wasserkraft, Photovoltaik und Biomasse tragen heute gemeinsam zur Versorgung bei. Diese Vielfalt erhöht die Resilienz, senkt Risiken bei Wetterextremen und schafft Spielräume für Stromexporte und neue Technologien wie grünen Wasserstoff. Außerdem wurde die Unabhängigkeit des Landes größer, erzählt Mendez Galain im Podcast: „Als kleine Volkswirtschaft sind wir viel stärker von den Geschehnissen in der Welt abhängig. Durch unsere Transformation bei der Energiegewinnung werden wir aber unabhängiger. Und das ist auf vielen Ebenen sehr wichtig.”

Beteiligung auf allen Ebenen

Auch die Bevölkerung wurde einbezogen. Im Windpark Los Valentines beteiligten sich hunderte Familien finanziell. Das Projekt wurde ohne Einsprüche und sogar schneller als geplant umgesetzt. Doch finanzielle Beteiligung war nie Selbstzweck, sondern Teil eines größeren Versprechens: Diese Energiewende gehört allen. Community-Fonds ermöglichen auch Menschen mit geringem Einkommen, am Erfolg teilzuhaben. Gleichzeitig veröffentlichen die Energieversorger in Echtzeit, wie sich der Strommix gerade zusammensetzt. Diese Daten erscheinen täglich in den Nachrichten und machen den Wandel sichtbar und greifbar.

Was lässt sich auf Österreich übertragen?

Franz Angerer, Geschäftsführer der Österreichischen Energieagentur, hält eine effiziente Transformation dieser Art auch in Österreich grundsätzlich für möglich. Er merkt aber an: “Uruquay ist doppelt so groß und hat nur 3,5 Millionen Einwohner, der Stromverbrauch liegt im Bereich von etwa 20% im Vergleich zu jenem in Österreich.”

Die Erfahrungen aus Uruguay zeigen auch, dass erfolgreiche Transformation nicht durch Technik allein gelingt. Ein klarer langfristiger Plan schafft Orientierung, die Kommunikation muss frühzeitig beginnen und verständlich sein. Die Vielfalt erneuerbarer Technologien erhöht die Versorgungssicherheit. Und vor allem: Wenn Menschen sich mit dem Wandel identifizieren können, entsteht echte Akzeptanz.

Hier geht’s zum Podcast mit Ramón Méndez Galain: https://kleinmanenergy.upenn.edu/commentary/podcast/how-uruguay-went-almost-completely-fossil-fuel-free/

9 Erfolgsfakt(or)en der Energiewende in Uruguay

  1. Strommix:

    Uruguay gewann 2023 rund 98 Prozent seines Strombedarfs aus erneuerbaren Quellen (Österreich: 87%). Zur Jahrtausendwende lag dieser Anteil bei etwa 40% und wurde ausschließlich aus Wasserkraft gespeist, was in Trockenperioden zu Problemen führte. Die Wasserkraft hat heute immer noch den höchsten Anteil (42 %), gefolgt von Windkraft (28 %), Biomasse (26 %) und Solarenergie (3 %). Fossile Energiequellen dienen nur noch als Reserve in Extremwetterlagen.

  2. Ausbauzeitraum:

    Der Umbau des Energiesystems erfolgte innerhalb von nur rund zehn Jahren (zwischen 2008 und 2017). In dieser Zeit wurden über 6 Milliarden US-Dollar in erneuerbare Energien investiert.

  3. Windkraft:

    Uruguay zählt heute zu den Ländern mit dem höchsten Windenergieanteil weltweit. Zeitweise stammen über 40 Prozent des Stroms aus Windkraft. Das Land verfügt über mehr als 40 Windparks, verteilt auf das gesamte Staatsgebiet.

  4. Photovoltaik:

    Auch die Solarenergie wurde massiv ausgebaut – wenn auch in geringerem Umfang als Wind. Die Sonnenenergie deckt etwa 3 bis 5 Prozent des Strombedarfs, mit wachsendem Anteil.

  5. Versorgungssicherheit:

    Trotz des hohen Anteils fluktuierender Quellen wie Wind und Sonne bleibt Uruguay stromautark und exportiert überschüssigen Strom in Nachbarländer wie Argentinien und Brasilien. Im Jahr 2022 lag der Netto-Stromexport bei rund 1,4 Terawattstunden (TWh).

  6. Wirtschaftliche Effekte:

    Die Energiewende hat mehr als 13.000 direkte Arbeitsplätze geschaffen, insbesondere in ländlichen Regionen. Hinzu kommt ein hoher Anteil lokaler Wertschöpfung bei Bau, Betrieb und Wartung der Anlagen.

  7. Staatlicher Energieversorger:

    Der staatliche Versorger UTE spielt eine zentrale Rolle bei Planung, Betrieb und Kommunikation der Energiewende. Er veröffentlicht in Echtzeit den aktuellen Strommix auf seiner Website.

  8. Politischer Rahmen:

    Die Energiewende wurde getragen durch ein breites politisches Bündnis und von einer zentralen Stelle koordiniert. Kopf der Reform war Ramón Méndez Galain, Physiker und ehemaliger Direktor für Energiepolitik im Industrieministerium.

  9. Erneuerbare Exportmarke:

    Mit dem Slogan „Uruguay Natural“ verknüpft das Land seine Energiepolitik mit Tourismus, Landwirtschaft und Export. Ein gutes Beispiel für strategische Kommunikationsführung mit starker Außenwirkung.

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